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Kastenstände in der Schweinehaltung

Das Fixieren von Sauen in Kastenständen steht schon lange in der Kritik. Zukünftig sollen die Sauen mehr Bewegungsfreiheit bekommen.

Zwei Reihen mit Kastenständen im Deckzentrum eines Sauenstalls. In den Kastenständen liegen Sauen.
Kastenstände wie diese, im Deckzentrum eines Sauenstalls, sind nicht mehr zulässig. In spätestens acht Jahren müssen alle Tierhaltungsbetriebe sie abgeschafft haben.
Quelle: landpixel.de

Im Juli 2020 hat der Bundesrat einer neuen Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung zugestimmt und damit neue Regeln für die Haltung von Sauen auf den Weg gebracht. Diese betreffen vor allem die stark umstrittene Haltung der Sauen in Kastenständen. Diese wird in Zukunft nur noch stark eingeschränkt zulässig sein.

Kastenstände – Wofür eigentlich?

Kastenstände sind in der deutschen Sauenhaltung seit vielen Jahren gängige Praxis. Es handelt es sich dabei um Rahmen aus Metall, in denen die Sauen für eine gewisse Zeit eingesperrt werden – Landwirtinnen und Landwirte sprechen von „Fixieren“. Kastenstände sind in zwei Bereichen im Sauenstall zu finden: Im Deckzentrum und im Abferkelstall.

Das Deckzentrum ist der Teil des Stalls, in dem die Sauen künstlich besamt werden. Die Kastenstände in diesem Bereich sind genormt und in der Regel 200 Zentimeter lang und 65 bis 70 Zentimeter hoch. Etwa fünf Tage vor der Besamung werden die Tiere dort eingestellt und verbringen dann etwa vier bis fünf Wochen dort. Das Fixieren in den Kastenständen vereinfacht den Besamungsprozess und verhindert, dass es unter den Sauen zu Rangkämpfen kommt, die die Trächtigkeit gefährden könnten.

Erst wenn die befruchteten Eier sich fest in der Gebärmutter eingenistet haben – nach etwa vier Wochen – werden die Tiere wieder zu ihren Artgenossen gelassen. In Gruppenhaltung verbringen die Sauen dann etwa 80 Tage.

Sau neben ihren Ferkeln im Ferkelschutzkorb.
Der Ferkelschutzkorb soll verhindern, dass die Sau beim Hinlegen ihre Ferkel erdrückt. Spätestens 2035 dürfen Sauen im Abferkelstall nur noch maximal fünf Tage fixiert werden.
Quelle: landpixel.de

Eine Woche vor dem berechneten Geburtstermin wird die Sau dann in den Abferkelstall gebracht. Dort bleibt sie bis vier Wochen nach der Geburt. Auch im Abferkelstall wird sie wieder in einem Kastenstand fixiert. Der Metallrahmen dort ist etwa 2,50 Meter lang und 70 Zentimeter breit und soll verhindern, dass die Sau nach der Geburt beim Hinlegen versehentlich ihre Ferkel erdrückt – daher wird dieser Kastenstand auch "Ferkelschutzkorb" genannt.

Nach Beendigung der Säugephase werden die Sauen meist wieder direkt in den Deckstall verbracht, wo sie dann binnen einer Woche erneut besamt werden. Hier beginnt der Prozess von Neuem.

Von den rund 21 Wochen, die ein Produktionszyklus (Tragezeit + Säugezeit) umfasst, verbringen die Tiere neun bis zehn Wochen fixiert in einem Kastenstand. Bei durchschnittlich 2,3 Würfen je Sau und Jahr kommt man auf eine Gesamtzeit von mehr als fünf Monaten pro Jahr.

Wie viele Sauen sind betroffen?

Laut Statistischem Bundesamt leben in Deutschland 1,8 Millionen Zuchtsauen – das heißt Sauen, die für die Ferkelerzeugung gehalten werden (Stand 2019). Das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) geht davon aus, dass etwa 90 Prozent von diesen Sauen im Deckzentrum im Kastenstand gehalten werden. Im Abferkelbereich dürfte der Prozentsatz, der im Kastenstand fixierten Sauen, laut LAVES noch höher sein.

Kastenstände sorgen schon seit Langem für Kritik

Sauen liegen in Kastenständen im Deckzentrum.
In den engen Kastenständen, hier im Deckzentrum, können die Tiere grundlegende Verhaltensweisen nicht oder nur sehr eingeschränkt ausführen.
Quelle: landpixel.de

Schon seit vielen Jahren kritisieren Tierschutz- und Tierärzteverbände das Fixieren der Sauen in den engen Kastenständen. Sie beanstanden, dass die Tiere grundlegende Verhaltensweisen in diesen Käfigen nicht oder nur sehr eingeschränkt ausführen können. Darüber hinaus zeigen im Kastenstand gehaltene Sauen ein erhöhtes Risiko für Erkrankungen und Verhaltensstörungen.

Bestätigt wird dies durch den Nationalen Bewertungsrahmen Tierwohl, den ein Expertenteam des Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e. V. (KTBL) gemeinsam mit Fachleuten aus Wissenschaft, Beratung, Tierschutz und Praxis erarbeitet hat, sowie ein Gutachten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit aus dem Jahr 2007.

Das Magdeburger "Kastenstand-Urteil"

Spätestens seit dem sogenannten Magdeburger Urteil von 2015 und seiner Bestätigung durch das Bundesverwaltungsgericht 2016 steht fest, dass die bisher übliche Haltung von Sauen – zumindest im Deckzentrum – in der durchgeführten Form gesetzlich gar nicht zulässig ist und deswegen neu geregelt werden muss. Denn in der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung, die die Haltung von Schweinen in Deutschland regelt, steht: "Kastenstände müssen so beschaffen sein, dass die Schweine sich nicht verletzen können und jedes Schwein ungehindert aufstehen, sich hinlegen sowie den Kopf und in Seitenlage die Gliedmaßen ausstrecken kann."

Dies ist in den meisten Deckställen Deutschlands jedoch in der Form nicht möglich. Oft können sich die Tiere in Seitenlage nicht ungehindert ausstrecken, ohne dabei mit ihren Gliedmaßen an Gitter oder Schweine des Nachbarstandes zu stoßen.

Trotz des richterlichen Urteils kam es jedoch vorerst nicht zu Veränderungen in den Sauenställen. Es gab lediglich intensive politische Debatten über eine Änderung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung.

Wie machen andere Länder in Europa das?

Auch in vielen anderen EU-Ländern sind Kastenstände noch die Norm. Es gibt allerdings auch Ausnahmen. So ist die Fixierung der Sauen zum Beispiel in Schweden und Norwegen bereits seit 1988 verboten – sowohl im Deckzentrum als auch im Abferkelbereich. In Großbritannien sind Kastenstände im Deckzentrum seit 1999 unzulässig.

Was hat der Bundesrat beschlossen?

Im Juli 2020 kam man im Bundesrat zu einem Kompromiss. Man beschloss, dass Sauen im Deckzentrum nicht mehr im Kastenstand gehalten werden dürfen, sondern nur noch in der Gruppe. Eine kurzzeitige Fixierung, für den Vorgang der Besamung oder tierärztliche Untersuchungen soll aber zulässig bleiben. Bis zur Umsetzung dieser Regelung bleiben den tierhaltenden Betrieben acht Jahre Zeit.

Der strittig Satz, dass sich eine Sau im Kastenstand ungehindert ausstrecken können muss, wurde allerdings übergangsweise geändert. Nun heißt es: "Eine Sau muss sich ungehindert ausstrecken können, ohne an ꞌbauliche Hindernisseꞌ zu stoßen." Damit wird für die Übergangszeit von acht Jahren toleriert, dass die Sauen mit ihren Beinen in Seitenlage an die Nachbarsau stoßen.

Im Abferkelstall müssen die Kastenstände laut Bundesratsbeschluss zwar nicht ganz abgeschafft werden. Die Sauen dürfen dort in Zukunft jedoch nur noch fünf statt 35 Tage fixiert werden. Hier haben die Betriebe 15 Jahre Zeit, um sich auf die neuen Anforderungen einzustellen.

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Wie sind die Meinungen zum Bundesratsbeschluss?

Man ist sich ziemlich einig, dass mit dem Beschluss ein Gewinn für das Wohl der Tiere erreicht wurde: Denn die Dauer der Fixierung wird zukünftig stark verkürzt. Von etwa 70 Tagen je Produktionszyklus auf nur noch fünf Tage, rund um den Geburtszeitraum.

Tierschützerinnen und Tierschützer kritisieren allerdings die sehr langen Übergangsfristen, und auch, dass die Sauen im Abferkelbereich später zumindest noch für einige Tage eingesperrt werden dürfen.

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat angekündigt, die Sauenhalterinnen und -halter mit 300 Millionen Euro bei der Umstellung zu unterstützen. Trotzdem haben viele Betriebe – insbesondere die kleinen und mittleren – Sorge, dass sie die Umstellung nicht schaffen. Sie befürchten, dass sie durch die höheren Kosten, die infolge der neuen Auflagen auf sie zukommen, nicht mehr wettbewerbsfähig sind und sich die Ferkelproduktion ins Ausland verlagert.


Weitere Informationen

BMEL: Bundesrat stimmt für mehr Tierwohl und Planungssicherheit in der Sauenhaltung

Bundesrat: BundesratKOMPAKT – TOP 76: Kastenstand

LAVES: Tierschutzrechtliche und tierschutzfachliche Aspekte der Kastenstandhaltung von Sauen


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