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Alternativen zum Töten männlicher Küken

Jährlich werden in Deutschland rund 45 Millionen männliche Küken getötet. Ein Gesetz soll dies nun verbieten.

ein Tag alte Küken
Quelle: Oliver Foerstner - stock.adobe.com

Warum werden männliche Küken getötet?

Die meisten männlichen Legehennen-Küken werden getötet. Das hat folgenden Grund: Hühner werden heute entweder auf Fleisch- oder auf Legeleistung gezüchtet – je nach Produktionsrichtung, für die sie verwendet werden sollen. Diese einseitige Züchtung hat dazu geführt, dass Legehennen heute zwar mehr als 300 Eier pro Jahr legen. Auf der anderen Seite setzen sie dafür aber auch nur sehr langsam und sehr wenig Fleisch an. Bei ihren männlichen Geschwistern ist das genauso. Da diese dazu keine Eier legen, sind sie für die Geflügelwirtschaft nutzlos. Deswegen werden sie direkt nach dem Schlüpfen getötet und zu Tierfutter verarbeitet.

Diese gängige Praxis des Kükentötens steht schon lange in der Kritik, wurde aber bislang toleriert. So hatte das Bundesverwaltungsgericht am 13. Juni 2019 entschieden, dass "das Töten männlicher Küken tierschutzrechtlich übergangsweise zulässig" bleibt. Und zwar so lange, bis geeignete Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei zur Verfügung stehen. Zwar sei das wirtschaftliche Interesse an speziell auf eine hohe Legeleistung gezüchteten Hennen im Sinne des Tierschutzgesetzes kein vernünftiger Grund für das Töten männlicher Küken, doch sei diese Praxis – wegen der früher geringeren Gewichtung des Tierschutzes -  jahrzehntelang hingenommen worden. Vor diesem Hintergrund könne von den Brutbetrieben nun eine sofortige Umstellung ihrer Betriebsweise nicht verlangt werden, zumal absehbar sei, dass in näherer Zukunft eine Geschlechtsbestimmung im Ei möglich sei, begründete das Gericht sein Urteil.

Kükentöten soll verboten werden

Inzwischen sind erste Verfahren der Geschlechtsbestimmung im Ei praxisreif, sodass es keinen Grund mehr für das Töten der männlichen Küken gibt. Das Kükentöten soll ab Ende 2021 per Gesetz verboten werden. Am 9. September 2020 hat Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner einen entsprechenden Gesetzentwurf vorgestellt. Der Entwurf zur Änderung des Tierschutzgesetzes zielt auf ein flächendeckendes Verbot des Kükentötens in Deutschland ab Ende 2021. Das gesetzliche Verbot ist erforderlich, um das Töten der Hühnerküken einheitlich zu unterbinden und Verstöße wirksam sanktionieren zu können.

Doch wie genau funktioniert die Geschlechtsbestimmung im Ei? Und welche Alternativen zu Kükentöten gibt es sonst noch?

Geschlechtsbestimmung im Ei

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben Methoden entwickelt, mit denen man bei befruchteten Hühnereiern das Geschlecht bereits frühzeitig im Ei erkennen kann. Eier, aus denen sich männliche Küken entwickeln, können daraufhin aussortiert werden. Ein Ausschlüpfen und anschließendes Töten der Tiere kann so von vornherein verhindert werden.

Die beiden vielversprechendsten Verfahren sind nach derzeitigem Stand das "endokrinologische Verfahren" und das "spektroskopische Verfahren".

Beim endokrinologischen Verfahren werden die Eier etwa neun Tage lang bebrütet. Zwischen dem achten und zehnten Tag wird von jedem Ei über eine Nadel etwas Flüssigkeit (embryonaler Harn) entnommen. An diesen Proben wird das Geschlecht mit einem biotechnologischen Nachweisverfahren anhand der enthaltenen Hormone innerhalb kurzer Zeit bestimmt, so wie bei einem Schwangerschaftstest.

Eier in einem Prototyp des Geräts für das endokrinologische Verfahren kurz vor dem Einstich durch die Nadeln
Eier in einem Prototyp des Geräts für das endokrinologische Verfahren kurz vor dem Einstich durch die Nadeln
Quelle: BLE

Bei der spektroskopischen Geschlechtsbestimmung im Ei ("Infrarot-Raman-Spektroskopie") wird das Ei etwa vier Tage lang bebrütet. Dann wird mit einem Laser ein kleines Loch in das Ei geschnitten und ein spezieller Lichtstrahl in das Innere des Eis geschickt. Das Geschlecht wird durch eine Analyse des reflektierten Lichts bestimmt. Im Anschluss wird das Ei wieder verschlossen.

Die Systeme erkennen auch unbefruchtete oder nicht entwicklungsfähige Bruteier. Sie werden ebenso wie die männlichen Eier aussortiert und können als Futtermittel genutzt werden oder als Rohstoff für industrielle Anwendungen. Die anderen Eier werden weiter bebrütet. Nach insgesamt 21 Tagen schlüpfen die weiblichen kleinen Küken, von der Geschlechtsbestimmung bekommen die Tiere nichts mit. Die Verfahren werden in den folgenden Filmen anschaulich erklärt:

Das endokrinologische Verfahren

Das spektroskopische Verfahren

Bislang hat nur das endokrinologische Verfahren Marktreife erlangt. Seit November 2018 sind Konsumeier im Handel erhältlich, die eine solche Geschlechtsbestimmung im Brutei ohne Kükentöten durchlaufen haben. Nach Angaben des BMEL werden derzeit wöchentlich etwa 60.000 Bruteier auf diese Weise identifiziert, in denen sich weibliche Küken entwickeln.

Aus Tierschutzgründen muss die Geschlechtsbestimmung vor dem 7. Tag möglich sein

Das endokrinologische Verfahren funktioniert, soll laut Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) aber nur als Brückentechnologie fungieren. Mittel- bis langfristiges Ziel ist es, Methoden zur Praxisreife zu bringen, die eine Geschlechtsbestimmung schon vor dem 7. Tag möglich machen. Denn nach derzeitigem Wissensstand kann nur vor dem 7. Bruttag von einer fehlenden Schmerz- bzw. Empfindungsfähigkeit des sich entwickelnden Hühnerembryos ausgegangen werden.

Der aktuelle Gesetzentwurf des BMEL sieht daher in einem zweiten Schritt (nach dem 31. Dezember 2023) vor, das Töten von Hühnerembryonen im Ei bereits nach dem 6. Bruttag zu verbieten. Entsprechende Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei müssen allerdings schon vor diesem Zeitpunkt funktionieren.

Das Zweinutzungshuhn

Bei Zweinutzungshühnern handelt es sich um Kreuzungszuchtlinien oder Rassen, bei denen beide Geschlechter aufgezogen werden: Weibliche Küken wachsen zur Legehenne heran; männliche Küken werden zur Mast aufgezogen. Landwirtinnen und Landwirte, die sich für diese besondere Nutzungsrichtung entscheiden, verzichten auf Maximalerträge. Denn sie gehen zum Wohl der Tiere einen doppelten Kompromiss ein. Die weiblichen Tiere legen weniger Eier als herkömmliche Legehennen, die männlichen Tiere nehmen im Vergleich zu Hähnen üblicher Mastlinien langsamer zu und haben eine geringere Fleischausbeute.

Das Zweinutzungshuhn ist dann eine Alternative, wenn Verbraucherinnen und Verbraucher bereit sind, die höheren Preise für Fleisch und Eier zu zahlen. Doch das ist bisher eher sellten der Fall, auch wenn in Umfragen die Mehrheit der Befragten ihre Bereitschaft bekundet, einen solchen Aufpreis zu zahlen.

Aus Sicht von Experten ist daher absehbar: Zweinutzungshühner werden nur dann eine echte Alternative, wenn es gelingt, Tiere zu züchten, die mehr Eier legen und sich besser mästen lassen. Verschiedene Zuchtunternehmen haben dies erkannt und widmen sich bereits verstärkt dieser Aufgabe.

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Ethik in der Geflügelhaltung im Biologie-Unterricht?

Der Unterrichtsbaustein fördert gezielt die Bewertungskompetenz von Schülerinnen und Schülern im Hinblick auf komplexe ethische Fragestellungen wie das Thema Tierwohl und unterstützt sie dabei, ein eigenes Urteil zu finden und zu formulieren.

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Die Bruderhahn-Initiative

Die "Bruderhahn-Initiative" setzt nicht wie beim Zweinutzungshuhn auf eine besondere Rasse. Vielmehr werden die Brüder herkömmlicher Legehennen nicht aussortiert und getötet, sondern ebenfalls aufgezogen. Dabei wird in Kauf genommen, dass sie deutlich weniger Fleisch liefern, stärker verfetten können und eine deutlich schlechtere Futterverwertung aufweisen als männliche Küken aus Masthuhn- und Zweinutzungslinien.

Der geringere Ertrag für das Fleisch dieser Tiere wird in diesem Modell über einen höheren Verkaufspreis der Eier aufgefangen. Solche Eier sind schon in recht vielen Läden zu finden.


Weitere Informationen

Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL): Ausstieg aus dem Kükentöten

B&B Agrar: Eine Lösung für das Hähnchenproblem

Tierwohl-staerken.de: Das Kükenschreddern soll ein Ende haben

Tierwohl-staerken.de: Hühnerleben: Mehr Schutz für männliche Küken

BMEL: Video - Alternativen zum Töten männlicher Küken


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